Fast zwei Jahre lang gab es für den weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock an den globalen Märkten ein dominierendes Credo: US-Aktien übergewichten. Diese Strategie hat sich angesichts der fulminanten Rallye, getrieben durch den Technologiesektor und das Thema Künstliche Intelligenz (KI), für Investoren ausgezahlt. Doch nun vollzieht das Investmenthaus eine bemerkenswerte Kehrtwende. Blackrock stuft US-Aktien auf 'neutral' zurück und rät stattdessen dazu, US-Staatsanleihen (Treasuries) spürbar aufzustocken.
Für Privatanleger ist dieser Schritt ein wichtiges Signal. Er verdeutlicht, dass die veränderten Rahmenbedingungen am Rentenmarkt eine neue Phase der Asset-Allokation einläuten. Der vermeintliche Automatismus, dass an US-Aktien kein Weg vorbeiführt, wird von den Profis hinterfragt – nicht aus Pessimismus, sondern aus kühlem, kalkulierendem Risikomanagement.
Der Renditepuffer am Anleihemarkt ist zurück
Der Hauptgrund für das Umdenken liegt in den massiv gestiegenen Renditen für US-Staatsanleihen. Nach Jahren der Null- und Negativzinsen, in denen Anleihen im Depot eher als Performance-Bremse denn als Ertragsbringer fungierten, hat sich das Blatt grundlegend gewendet. Fast sechs Jahre lang war Blackrock in diesem Segment untergewichtet. Nun sieht man die Zeit für den Wiedereinstieg gekommen.
Ann-Katrin Petersen, Leiterin der Kapitalmarktstrategie für Deutschland, Österreich, die Schweiz und Osteuropa bei Blackrock, begründet den Schritt mit einem mathematischen Sicherheitsnetz: Bei den aktuellen Niveaus könnten die Anleiherenditen innerhalb der kommenden zwölf Monate um weitere rund 75 Basispunkte steigen, bevor die Gesamtrendite für den Anleger negativ würde. Dieser Puffer im Falle weiter steigender Zinsen macht US-Staatsanleihen zu einer defensiven, aber dennoch ertragreichen Bastion im Portfolio.
Besonders das kurze Ende der Zinskurve – also Anleihen mit kürzeren Laufzeiten – hat es den Strategen angetan. Hier seien die Markterwartungen bezüglich weiterer Zinserhöhungen derzeit überzogen. Sobald diese Erwartungen zurückgehen, dürften die Kurse kurzlaufender Papiere davon profitieren, während Anleger bis dahin von den hohen laufenden Erträgen profitieren.
Taktische Vorsicht bei US-Aktien vor den Zwischenwahlen
Die Herabstufung von US-Aktien auf neutral bedeutet keineswegs, dass Blackrock vor einem dauerhaften Bärenmarkt warnt. Es handelt sich vielmehr um ein taktisches Manöver. Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor sind die anstehenden US-Zwischenwahlen, die erfahrungsgemäß für erhöhte Volatilität an den Märkten sorgen können. Zudem stehen regulatorische und politische Weichenstellungen rund um das Thema Künstliche Intelligenz an, die von den Marktteilnehmern neu bewertet werden müssen.
Blackrock betont jedoch, dass die langfristige Überzeugung bezüglich des Megatrends KI unberührt bleibt. Künstliche Intelligenz wird weiterhin als ein zentraler Treiber der wirtschaftlichen Transformation gesehen. Allerdings führt das strukturell höhere Zinsumfeld zu einer schärferen Selektion: Unternehmen, die hohe Kapitalkosten nicht durch nachhaltig hohe Renditen ausgleichen können, geraten ins Hintertreffen. Blackrock bevorzugt daher selektiv KI-bezogene Unternehmen sowie börsennotierte Infrastrukturwerte, die über stabile Cashflows verfügen.
Schwellenländer bleiben als Renditebringer gesetzt
Während bei US-Aktien das Risiko temporär herausgenommen wird, hält der Vermögensverwalter an einer anderen offensiven Position fest: der Übergewichtung von Schwellenländeraktien. Diese bieten in einer diversifizierten Anlagestrategie weiterhin ein attraktives Wachstums- und Bewertungsprofil, das die defensivere Ausrichtung bei den US-Anlagen komplementiert.
Was bedeutet das für die Anlegerstrategie?
Für den rationalen Anleger liefert die Neuausrichtung von Blackrock eine wichtige Lehre: Portfolio-Konstruktion ist keine statische Angelegenheit. Wenn die risikofreie Rendite von Staatsanleihen ein Niveau erreicht, das die Aktienrisikoprämie schrumpfen lässt, müssen Portfolios angepasst werden.
Es geht nicht darum, US-Aktien fluchtartig zu verkaufen, sondern darum, Gewinne zu realisieren und das Portfolio durch die Beimischung von renditestarken US-Staatsanleihen wetterfest zu machen. Das klassische Multi-Asset-Portfolio, in dem Anleihen wieder ihre Rolle als Stabilitätsanker und verlässliche Ertragsquelle einnehmen, feiert dank der Zinswende ein überzeugendes Comeback.

