Freitag, 16. Oktober 2026

Wirtschaft

Die Milliarden-Wette gegen den Holding-Abschlag: Lohnt sich der Einstieg bei Prosus?

Der Technologieinvestor Prosus versucht weiterhin vehement, den massiven Bewertungsabschlag zur Kernbeteiligung Tencent durch umfangreiche eigene Aktienrückkäufe einzudämmen. Trotz operativer Lichtblicke bei Portfoliowerten wie Just Eat Takeaway bleibt die Skepsis der Anleger angesichts regulatorischer Risiken hoch.

Sebastian Reinhardt

Von Sebastian Reinhardt

Nach mehreren Jahren an der Frankfurter Börse berichtet er nun für den 'Anlegerblick' über die US-Tech-Riesen und vielversprechende Wachstumsaktien. Seine Spezialität sind tiefgehende Fundamentalanalysen und Marktberichte aus Übersee. · · 4 Min.

Die Milliarden-Wette gegen den Holding-Abschlag: Lohnt sich der Einstieg bei Prosus?
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Es ist ein altbekanntes Dilemma an den globalen Aktienmärkten: Eine Holding ist an der Börse oft deutlich weniger wert als die Summe ihrer einzelnen Teile. Kaum ein Unternehmen leidet so chronisch unter diesem sogenannten „Holding-Abschlag“ wie der niederländische Technologieinvestor Prosus. Nun greift das Management umso entschlossener in die Firmenkasse, um dieser Unterbewertung mit massiven Aktienrückkäufen entgegenzuwirken. Doch während die schiere Dynamik der Rückkäufe beeindruckt, zögern die Anleger weiterhin. Für langfristig orientierte Investoren stellt sich die Frage: Bietet die aktuelle Schwächephase eine günstige Einstiegsgelegenheit, oder überwiegen die strukturellen Risiken?

Die nackten Zahlen: Der permanente Kaufdruck

In der vergangenen Woche hat Prosus seine Rückkaufaktivitäten erneut intensiviert. Zwischen dem 5. und 9. Oktober erwarb der Konzern insgesamt 2.361.582 eigene Stammaktien. Das dafür aufgewendete Kapital belief sich auf rund 83,51 Millionen Euro (circa 93,63 Millionen US-Dollar). Der durchschnittlich gezahlte Preis pro Aktie lag bei 35,3622 Euro. Diese Transaktionen sind Teil eines groß angelegten, unbefristeten Rückkaufprogramms, das von der niederländischen Finanzmarktaufsicht AFM engmaschig überwacht und genehmigt wird.

Aus finanzwissenschaftlicher Sicht ist die Logik hinter diesem Schritt bestechend: Wenn eine Aktie mit einem signifikanten Abschlag zum Nettoinventarwert (Net Asset Value, NAV) gehandelt wird, ist der Rückkauf eigener Anteile die rentabelste Investition, die das Management tätigen kann. Jeder eingezogene Anteilsschein erhöht rechnerisch den Wert der verbleibenden Aktien für die Bestandsaktionäre. Prosus nutzt hierfür gezielt liquide Mittel, um den inneren Wert pro Aktie kontinuierlich nach oben zu schrauben.

Das fundamentale Problem: Der Tencent-Schatten

Trotz dieses massiven Liquiditätseinsatzes will der Funke am Markt nicht recht überspringen. Seit Jahresbeginn verzeichnet die Prosus-Aktie ein Minus von rund 32 Prozent und notierte zuletzt bei 35,95 Euro. Der Hauptgrund für diese fundamentale Schwäche liegt in der extremen Abhängigkeit von der chinesischen Kernbeteiligung Tencent.

Prosus entstand einst als Spin-off des südafrikanischen Medienkonzerns Naspers, der im Jahr 2001 für einen damals lächerlich geringen Betrag einen großen Anteil an dem damals noch unbekannten Start-up Tencent erwarb. Heute macht diese Beteiligung den weitaus größten Teil des Gesamtvolumens von Prosus aus. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch auch: Wer Prosus kauft, kauft in erster Linie ein chinesisches Tech-Schwergewicht – inklusive aller damit verbundenen geopolitischen und regulatorischen Risiken.

Die anhaltenden regulatorischen Eingriffe der Pekinger Führung in den heimischen Technologiesektor sowie das generell abgekühlte Sentiment für chinesische Wachstumswerte lasten schwer auf Tencent und damit wie ein Mühlstein auf Prosus. Hinzu kommen verschärfte regulatorische Daumenschrauben in der Europäischen Union, die das operative Geschäft der Tech-Plattformen zunehmend verkomplizieren. Solange sich an diesen geopolitischen Rahmenbedingungen nichts ändert, dürfte es der Markt meiden, den Holding-Abschlag signifikant zu verringern.

Lichtblicke im operativen Portfolio

Abseits des dominierenden Tencent-Faktors gibt es jedoch durchaus positive Signale aus der zweiten Reihe des Portfolios. Prosus hat sich über die Jahre ein breites Ökosystem in den Bereichen Essenslieferung, Kleinanzeigen (OLX) und Finanztechnologie aufgebaut.

Ein wichtiges Signal der Stabilisierung kam jüngst aus dem Segment der Essenslieferdienste. Die Beteiligung Just Eat Takeaway.com konnte im September erstmals seit 55 Monaten wieder ein weltweites Auftragswachstum von 0,1 Prozent im Vorjahresvergleich ausweisen. Auch wenn diese Zahl homöopathisch anmuten mag, markiert sie doch das potenzielle Ende einer jahrelangen Durststrecke und eine Trendwende im hart umkämpften Liefersektor. Parallel dazu untermauerte die brasilianische Tochter iFood ihre Vormachtstellung im lateinamerikanischen Raum mit einem Marktanteil von rund 80 Prozent.

Diese operativen Fortschritte zeigen, dass das Management von Prosus nicht nur Finanzakrobatik betreibt, sondern die Profitabilität und Marktstellung seiner Kernbeteiligungen konsequent verbessert. Das Ziel ist klar: Das Portfolio soll mittelfristig so stark aufgestellt sein, dass es auch unabhängig von Tencent einen eigenständigen Wertbeitrag liefert.

Strategietermine im Fokus: Wohin geht die Reise?

Um den Markt von der eigenen Strategie zu überzeugen, setzt Prosus verstärkt auf Transparenz. Für den 26. und 27. Oktober hat das Unternehmen die Fachveranstaltung „OLX Deep Dive & Claim AI“ angesetzt. Hier will das Management tiefe Einblicke in die operative Entwicklung des Rubrikenmarktes und die Implementierung künstlicher Intelligenz geben.

Für Anleger wird dieses Event ein wichtiger Gradmesser sein, um zu beurteilen, wie viel ungenutztes Potenzial tatsächlich in den Tochtergesellschaften schlummert und ob die Integration moderner Technologien wie KI die Margen nachhaltig stützen kann.

Fazit für Anleger: Geduldsprobe mit Sicherheitsmarge

Die Aktie von Prosus bleibt ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite steht ein exzellent geführtes Unternehmen, das über die kontinuierlichen Aktienrückkäufe eine solide Untergrenze für den Aktienkurs einzieht und den inneren Wert je Aktie stetig steigert. Die jüngste Stabilisierung bei Just Eat Takeaway zeigt zudem, dass die operativen Hausaufgaben gemacht werden.

Auf der anderen Seite bleibt das unübersehbare Klumpenrisiko China. Solange die regulatorische Unsicherheit im Reich der Mitte anhält, wird die Aktie voraussichtlich mit einem deutlichen Abschlag gehandelt werden. Für mutige, langfristig orientierte Anleger, die an eine Erholung des chinesischen Tech-Sektors glauben, bietet Prosus jedoch einen hochinteressanten Hebel – denn man kauft die Tencent-Substanz hier im Grunde mit einem massiven Rabatt ein.

Eigenständig verfasst von der Anlageblick-Redaktion. Recherchegrundlage: Börse Express. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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