Der klassische Lehrsatz der Finanzwissenschaften scheint derzeit wieder fest im Sattel zu sitzen: Wenn die Renditen für Staatsanleihen steigen, verliert Gold an Attraktivität. Da das gelbe Edelmetall weder Zinsen noch Dividenden abwirft, fließt Kapital in den vermeintlich sicheren Hafen der Rentenmärkte. Mit einer Rendite von in der Spitze 5,35 Prozent für zehnjährige US-Staatsanleihen – dem höchsten Stand seit dem Jahr 2002 – hat dieser Trend jüngst einen neuen Höhepunkt erreicht. Parallel dazu notiert der Goldpreis mit rund 4.160 US-Dollar deutlich unter seinem Allzeithoch von über 5.500 US-Dollar aus dem Januar 2026.
Doch für den bekannten Ökonomen und Goldbullen Peter Schiff ist diese scheinbare Schwäche eine historische Kaufgelegenheit. Seine Analyse stellt die gängige Marktlogik auf den Kopf und mündet in einer konkreten Investmententscheidung, die sich deutlich vom bloßen physischen Goldkauf unterscheidet.
Die Logik des Rendite-Crashs: Warum Algorithmen falsch liegen
Laut Schiff ist der jüngste Renditeanstieg kein Zeichen von Stärke der US-Anleihen, sondern das genaue Gegenteil: ein historischer Ausverkauf. Höhere Renditen bedeuten mathematisch spiegelbildlich einbrechende Anleihekurse. Investoren, die in langlaufenden Staatspapieren investiert sind, erleiden derzeit massive Verluste. Schiff argumentiert, dass diese Anleger ihre Verluste irgendwann stoppen müssen, indem sie ihre Anleihen verkaufen. Das freiwerdende Kapital werde zwangsläufig seinen Weg in reale Sachwerte wie Gold und Silber finden.
Dass der Goldpreis aktuell dennoch unter Druck steht, führt Schiff auf die Dominanz automatisierter Handelsalgorithmen zurück. Diese seien so programmiert, dass sie bei steigenden Renditen mechanisch Gold verkaufen. Dabei werde jedoch die entscheidende Kennzahl ignoriert: der Realzins. Schiff verweist auf die inflationären 1970er-Jahre, in denen Zinsen und Goldpreis parallel stiegen. Wenn die Inflation die Nominalzinsen übersteige, bleibe der reale Ertrag negativ. In einem solchen Szenario schütze Gold ohne Zinskupon das Vermögen weitaus besser als eine Anleihe, deren reale Kaufkraft wegschmilzt.
Starke Hände: Notenbanken als fundamentale Stütze
Rückendeckung für seine optimistische Haltung erhält Schiff durch die anhaltenden Käufe globaler Notenbanken. Besonders die People’s Bank of China (PBOC) setzt ihren Akkumulationskurs unbeirrt fort. Im September 2026 stockte die chinesische Zentralbank ihre Goldreserven um 740.000 Feinunzen auf insgesamt 77,47 Millionen Unzen auf. Dies markiert den 23. Zukaufmonat in Folge und den stärksten Zuwachs seit Herbst 2023.
Auch auf globaler Ebene stützt die Nachfrage der Zentralbanken den Markt: Im August 2026 erwarben die Währungshüter netto 39 Tonnen des Edelmetalls. Zwar verzeichnete Russland im bisherigen Jahresverlauf Verkäufe von 56 Tonnen, doch auch dies wertet Schiff nicht als Schwächesignal. Vielmehr zeige sich genau hier der Charakter von Gold als ultimative eiserne Reserve, die ein Land in geopolitischen Krisenzeiten zur Liquiditätsbeschaffung nutzen kann. Während die Teilnehmer der renommierten LBMA-Konferenz Gold in zwölf Monaten bei etwa 5.000 US-Dollar sehen, prognostiziert Schiff eine noch schnellere Aufwärtsbewegung.
Das Schreckensszenario: US-Umschuldung mit 50 Prozent Haircut
Hinter Schiffs Anlagethese steht eine düstere volkswirtschaftliche Prognose für die USA. Er ist überzeugt, dass der jahrzehntelange Bullenmarkt für US-Anleihen endgültig vorbei ist und ein langjähriger Bärenmarkt begonnen hat. Die Kombination aus extrem hoher Staatsverschuldung und dauerhaft hohen Zinsen schnüre der US-Regierung die Luft ab.
Das Congressional Budget Office (CBO) beziffert die jährliche Nettozinslast der USA bereits auf rund eine Billion US-Dollar. Schiff erwartet, dass diese Summe binnen weniger Jahre auf drei bis vier Billionen US-Dollar explodieren wird. Da dies fiskalisch unmöglich tragbar sei, blieben Washington nur zwei Wege: Eine massive Entwertung der Währung durch Inflation (ein "verdeckter Zahlungsausfall") oder eine offizielle Umschuldung. Schiff hält eine Restrukturierung der US-Schulden für realistisch, bei der Gläubiger am Ende nur noch 50 Cent je US-Dollar erhalten. In einem solchen Szenario würden Staatsanleihen ihren Status als risikofreie Anlage endgültig einbüßen.
Schiffs Investment-Wahl: Minenaktien statt Barren
Vor diesem Hintergrund überrascht Schiffs persönliche Vermögensaufteilung. Er hält einen weitaus größeren Teil seines eigenen Geldes in Minenaktien als in physischem Gold. Seine Begründung: Er wolle das Gold besitzen, das noch im Boden liegt.
Minenwerte bieten gegenüber dem physischen Metall einen signifikanten Hebeleffekt auf den Goldpreis. Steigt der Preis des Edelmetalls, explodieren die Gewinnmargen der Produzenten überproportional. Dabei fokussiert sich Schiff besonders auf sogenannte Royalty-Gesellschaften und kleinere Explorationsunternehmen (Junior Miners). Royalty-Unternehmen stellen Minenbetreibern Kapital zur Verfügung und erhalten im Gegenzug einen prozentualen Anteil an der zukünftigen Produktion. Dieses Geschäftsmodell gilt als risikoärmer, da diese Firmen nicht direkt von den operativen Kostensteigerungen des Minenbetriebs betroffen sind. Die Juniors wiederum bieten zwar ein höheres Risiko, verfügen aber bei einem einsetzenden Branchen-Hype über das größte Kurspotenzial.
Für den anlegerorientierten Betrachter zeigt sich hier ein klarer Impuls: Wer Schiffs These der langfristigen US-Schuldenkrise teilt, für den könnte die aktuelle Schwächephase bei Minenwerten und Royalty-Aktien ein strategisch kluger Einstiegszeitpunkt sein.

