Freitag, 16. Oktober 2026

Wirtschaft

Das binäre Risiko: Wie Anleger sich auf die US-Midterms vorbereiten müssen

Die bevorstehenden US-Zwischenwahlen bergen für Aktienmärkte ein extremes Entweder-oder-Szenario. Während ein demokratischer Durchmarsch laut Bank of America herbe Verluste droht, winkt bei politischem Stillstand oder einem republikanischen Sieg eine Fortsetzung der Rallye.

Christian Roth

Von Christian Roth

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Das binäre Risiko: Wie Anleger sich auf die US-Midterms vorbereiten müssen
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Die US-Politik ist an den globalen Aktienmärkten oft nur Hintergrundrauschen, das von fundamentalen Unternehmensdaten und der Zinspolitik der Federal Reserve überlagert wird. Doch die bevorstehenden Zwischenwahlen zum US-Kongress, die sogenannten Midterms, könnten diese Dynamik grundlegend verändern. Für strategische Anleger zeichnet sich ein extrem binäres Marktumfeld ab.

Michael Hartnett, renommierter Chefstratege der Bank of America (BofA), warnt in einer aktuellen Analyse vor drastischen, zweistelligen Kursbewegungen in beide Richtungen. Je nachdem, wie die Machtverhältnisse im Capitol künftig verteilt sind, droht den US-Indizes entweder ein herber Rückschlag oder es winkt eine kräftige Erleichterungsrallye. Für das Risikomanagement im Depot ist das Verständnis dieser Szenarien jetzt unerlässlich.

Szenario A: Der demokratische Durchmarsch und das Risiko für Tech-Aktien

Ein vollständiger Sieg der Demokraten in beiden Kammern des Kongresses (Senat und Repräsentantenhaus) gilt an den Prognosemärkten längst nicht mehr als unrealistisches Außenseiterszenario. Die implizite Wahrscheinlichkeit für dieses Ergebnis kletterte laut Daten von MarketWatch zuletzt von unter 50 Prozent auf beachtliche 64 Prozent.

Für die Aktienmärkte wäre dies aus Sicht der Bank of America das ungünstigste Ergebnis. Hartnett prognostiziert in diesem Fall einen Rückgang der US-Aktien um mehr als 10 Prozent. Die Begründung des Strategen ist fundamentaler Natur: Ein demokratisch dominierter Kongress würde die Wahrscheinlichkeit von Steuererhöhungen für Unternehmen und strengeren regulatorischen Eingriffen drastisch erhöhen. Zudem wäre die politische Handlungsfähigkeit von Präsident Donald Trump in seinen verbleibenden zwei Amtsjahren massiv eingeschränkt.

Besonders sensibel dürfte in diesem Szenario der Technologiesektor reagieren. Die jüngste Rekordrallye des S&P 500 wurde maßgeblich vom billionenschweren Investitionsboom im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) getragen. Höhere Unternehmenssteuern oder schärfere kartellrechtliche Daumenschrauben könnten die Bereitschaft der Tech-Giganten drosseln, weiterhin unbegrenzt Kapital in KI-Infrastruktur zu pumpen. Flankiert würde dieses Szenario laut BofA von einem schwächeren US-Dollar und sinkenden Renditen bei den US-Staatsanleihen.

Szenario B und C: Politischer Stillstand als Kurstreiber

Das historische Gegenstück zu einem klaren Durchregieren einer Partei ist der sogenannte „Gridlock“ – der politische Stillstand durch eine geteilte Macht im Kongress. Sollten die Republikaner den Senat verteidigen, während die Demokraten das Repräsentantenhaus kontrollieren, sieht Hartnett ein moderates Aufwärtspotenzial von über 5 Prozent für den US-Aktienmarkt.

Anleger schätzen den politischen Stillstand traditionell, da er radikale Gesetzgebungsreformen und Steuererhöhungen nahezu unmöglich macht. Die Wirtschaft erhält dadurch ein hohes Maß an Planungssicherheit. Unter diesen Bedingungen könnte die Sonderstellung des US-Dollars gewahrt bleiben, und auch der KI-Investitionsboom dürfte ohne politische Störfeuer fortgesetzt werden.

Noch optimistischer fällt die Prognose für einen vollständigen Sieg der Republikaner in beiden Kammern aus. In diesem Szenario hält der BofA-Stratege Kursgewinne von 10 Prozent und mehr für möglich, da Deregulierung und Steuersenkungen dann ganz oben auf der Agenda stünden. Allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit für diesen „Clean Sweep“ an den Prognosemärkten derzeit bei mageren 9 Prozent. Es handelt sich also um ein Szenario mit hoher Hebelwirkung, aber geringer Eintrittswahrscheinlichkeit.

Geografische Diversifikation: Der Blick nach Lateinamerika

Für Anleger stellt sich die Frage, wie sie ihr Portfolio gegen diese asymmetrischen Risiken absichern können. Hartnett liefert hierzu einen konkreten strategischen Ansatz: Sollte es zu einem demokratischen Wahlsieg und einem damit einhergehenden schwächeren US-Dollar kommen, könnten Schwellenländer, insbesondere in Lateinamerika, eine attraktive Alternative darstellen.

Ein Blick auf den brasilianischen Leitindex Bovespa, der kürzlich bereits deutliche Zugewinne verbuchen konnte, zeigt das Potenzial. Lateinamerikanische Aktien notieren trotz der jüngsten Erholungsansätze noch immer rund 35 Prozent unter ihrem historischen Rekordhoch aus dem Jahr 2008. Die fundamentale Bewertung ist im Vergleich zu den historisch teuren US-Märkten äußerst moderat. Ein schwächerer Dollar würde zudem den Abwertungsdruck auf die lokalen Währungen nehmen und ausländisches Kapital anziehen.

Fazit für die Depotstrategie

Die US-Midterms am 3. November sind für Börsianer kein rein politisches Ereignis, sondern ein hochgradig marktverändernder Katalysator. Die enorme Spannweite der potenziellen Marktreaktionen – von minus 10 bis plus 10 Prozent – mahnt zur Vorsicht.

Als Anleger sollten Sie jetzt nicht einseitig auf ein bestimmtes Wahlergebnis wetten. Vielmehr gilt es, das Klumpenrisiko im US-Tech-Sektor zu überprüfen und gegebenenfalls Gewinne zu sichern. Eine breitere geografische Aufstellung, beispielsweise durch die gezielte Beimischung unterbewerteter Schwellenländer-Märkte, kann in den kommenden Wochen als wirksamer Puffer dienen, um die politische Volatilität erfolgreich auszugleichen.

Eigenständig verfasst von der Anlageblick-Redaktion. Recherchegrundlage: Wallstreet Online. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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